Darf ich noch „Tochter Zion“ singen?

Erinnert ihr euch an Zion, die Höhlenstadt in der Matrix-Trilogie? Dem Film-Epos von Lana und Lilly Wachowski, der Elemente aus Judentum, Christentum, Buddhismus und Gnosis miteinander verband? Die Matrix war einer der erfolgreichsten Filmreihen der Kinogeschichte. Unendlich viele Doktorarbeiten wurden Anfang der 2000er über sie geschrieben, vorrangig in den Geisteswissenschaften. Niemand in der intellektuellen Linken wäre damals auf die Idee gekommen, den Film zu verteufeln, weil der Zufluchtsort dort „Zion“ heißt.

Heute ist Zionismus das neue Z-Wort, eine Art Höllengeburt, die viele Linke nur noch mit verächtlichem Blick aussprechen. Nach einer Performance im avantgardistischen Kampnagel Theater in Hamburg diesen Samstag, bei dem wir aufgerufen worden, mehr gegen die AfD zu tun, holte ich mein Auto aus der Tiefgarage. Installationskunstartig war an mehreren Wänden der Tiefgarage der Schriftzug „Zionismus“ gestempelt, über dem Piktogramm-Männchen auf die Buchstaben defäkieren und urinieren. Niemand hatte den Versuch unternommen, die Aufdrucke zu entfernen. „Bist du etwas Zionistin?“, fragte mich neulich ein junger Mensch, als ich das Existenzrecht Israel verteidigte. „Ja, und pro-palästinensisch“, verwirrte ich die arme Jugendliche restlos.

Wie Benjamin Netanjahu und seine rechtsradikale Regierung heute Zionismus auslegen, widert mich an. Ich verurteile die sinnlos brutalen Angriffe auf Menschenleben und Lebensgrundlagen in Gaza aufs Schärfste. Aber ich erinnere Zionismus als eine Sehnsuchtsbewegung einer über Jahrhunderte bekämpften, vertriebenen und bedrohten religiös-ethnischen Minderheit. Ich verstehe das Existenzrecht Israels als Lösung einer damaligen und leider noch immer andauernden Weltlage, in der Juden aufgrund Jahrtausende alter Vorurteile immer wieder bedroht werden. Ich habe keine Ahnung, wie die aggressive und völkerrechtswidrige Siedlerpolitik Netanjahus gestoppt und zurückgedreht werden soll, so dass eine Zweistaatenlösung je Realität werden kann. Aber mich macht fassungslos, wenn ich im Bus in Hamburg eine Frau eine andere anschreien höre: „Bist du etwa Israeli? Raus aus diesem Bus!“ Mich macht fassungslos, dass die Tagesschau heute Morgen in der App zwar einen Vater und einen Sohn als Täter des antisemitischen Massakers von Bondi Beach nannte, aber nicht – wie der Spiegel es schon längst tat und die Tagesschau auch später auf der Webseite einfügte – von starken Anzeichen eines islamistischen Anschlags sprach. Mich macht fassungslos, dass große feministische Organisationen zwar gegen Merz‘ Migrationspolitik laut sind, aber zum aufsteigenden Antisemitismus im Land schweigen, aus Angst, ihre Zielgruppen zu verprellen. Mich macht fassungslos, dass ich Menschen erklären muss, dass in den Kirchen ihr Lieblingsweihnachtslied „Tochter Zion“ zu Weihnachten nicht gespielt werden wird, einfach, weil man Angst hat, einen Shitstorm auszulösen. Obwohl es ein christliches Lied ist, also von jenen, die über die Jahrhunderte die größte Gefahr für Juden darstellten. Es waren Kreuzritter, die im Jahr 1096 die letzten jüdischen Gemeinden aus Palästina – das frühere Judäa – vertrieben.

Ich wünsch mir was zu Weihnachten. Ich wünsche mir Menschen, die Mut haben, „Tochter Zion“ zu singen, auch, wenn jemand meint, sie wären dann „Faschos“. Ich wünsche mir Menschen, die Mut haben, für andere nicht eindeutig zu sein. Ich wünsche mir Menschen, vor allem Organisationen, die laut gegen Antisemitismus und Rassismus sind. Die Islamismus benennen und klar von Muslimen und dem Islam trennen können. Die Juden einerseits, die Bevölkerung Israels andererseits und beides von Netanjahu trennen können. Und ich wünsche mir, dass wir uns alle gegenseitig aushalten und weiter an Lösungen arbeiten für Konflikte, die unlösbar scheinen.

Stevie Schmiedel