Abtreibungsgegner in meinem Haus
Vor einigen Tagen hatte ich Besuch. Die Kinder von Bekannten meines Mannes aus Süddeutschland wollten nach Hamburg reisen und hatten keine Bleibe. „Klar wohnen die bei uns“, sagten wir sofort, wie man das eben so macht. Ein Kind ist im Studium, es ist genug Platz in der Bude. Was wir nicht wussten: Die Jugendlichen wollten nach Hamburg, um die Logos Hope zu besuchen. Uns wurde erzählt, das sei die größte schwimmende Bücherei der Welt, ein gemeinnütziges Schiff, das überall auf der Welt Häfen ansteuert, um zum Lesen anzuregen. Hört sich doch gut an.
Kurz vor der Ankunft der Lütten, ich richtete gerade ihre Schlafstätte ein, kam mir ein Zweifel. Ich fragte Tante Google, die mir erzählte, dass die Logos Hope ein freikirchliches Missionsschiff ist, das über seine Mutterorganisation Operation Mobilisation eng mit Pro-Life Bewegungen zusammenarbeitet. ChatGPT berichtete, dass der direkte Link zu Pro-Life-Europe – eine gemeinsame Missionarsstelle als Karriereangebot – jüngst gelöscht worden sei. Das Schiff würde für zwei Wochen im Hamburger Hafen neben dem beliebten Museumsschiff Cap Sandiego liegen, der NDR berichtete schon über erste Proteste. Aussteigerinnen aus dem Logos Hope-Team erzählten von Herabwürdigungen, homophoben Kommentaren und einem Fragebogen, den sie bei Antritt hätten ausfüllen müssen. Ob ihr Vater Oberhaupt der Familie sei, ob die Großeltern außerehelichen Sex gehabt hätten, ob sie selbst noch Jungfrauen seien.
Oha. Was tun? Ich schrieb einer der Jugendlichen auf WhatsApp, dass sie herzlich willkommen sei (und dachte dabei ehrlich: Ein homophober Kommentar, dear, und du sitzt auf der Straße). Ich hätte die Medien zur „Hope“ verfolgt und wolle nur mitteilen, dass wir Familienmitglieder hätten, die gleichgeschlechtlich lieben und selbst aktiv seien für queere Rechte und die Abschaffung von §218 – nur, damit sie wüssten, wo sie wohnten. Zwinker-Smiley und Herzchen-Emoji. Nach einer Pause bekam ich eine sehr freundliche WhatsApp mit ebenso vielen Emojis zurück. Dass sie niemanden missionieren wollten und Akzeptanz von verschiedenen Lebensführungen lebten. Sie hofften, es wäre weiterhin okay, bei uns zu wohnen. Das fand ich, bei allen Bauchschmerzen, einen guten Kompromiss für uns beide.
Wir kochten für die Truppe, als sie ankam, und hatten einen wirklich netten Abend, in dem mein Mann und ich uns auf die Tatsache konzentrierten, dass die Kids Anfang Zwanzig sind und ihre Meinung in diesem Leben noch ändern könnten, aber nur würden, wenn sie nette Wokies kennenlernen, die nicht nerven. Wir sparten alle Themen rund um die Logos Hope oder Freikirche aus und konzentrierten uns auf ihre Ausbildungen, Reiseziele, unsere eigenen Berufswege. Ich erzählte von unserer evangelischen Gemeinde, streute nebenbei ein, dass wir nur Frauen als Pastorinnen haben und ich beruflich gegen Sexismus tätig sei. Dabei beließ ich es. Ich hätte ihnen bei ihrer Abreise noch meine Broschüre „Gott, ist §218 zeitgemäß?“ in die Rucksäcke gleiten lassen können. Es juckte mir schrecklich in den Fingern, so doll, dass ich eine Freundin aus der Kommunikationsbranche um Rat bat, die mich nur streng anschauen musste um mich darin zu bestätigen, dass ich es gut sein lassen sollte. Weniger ist meistens mehr.
Meine Hoffnung? Dass die Kids, wenn sie ins Zweifeln kommen, sich an den netten Abend mit dem älteren Hamburger Pärchen erinnern, die doch eigentlich sehr nett waren, auch, wenn sie nichts gegen Queere, vorehelichen Sex oder eine Legalisierung von Abtreibung hatten. Natürlich wollen alle missionieren. Aber das tut man oft am besten, in dem man in Kontakt ist, sich aushält, und Nächstenliebe übt, so christlich das klingt.
Herzlich! Stevie